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Kommentar: Nichts aus der Geschichte gelernt, Herr Putin?

Am 9. Mai marschieren sie wieder. Panzer rollen durch Moskaus Straßen, rote Fahnen wehen, der Siegesmarsch hallt über den Roten Platz. Russland feiert das Ende des Zweiten Weltkriegs – ein Triumph über den Faschismus, ein Symbol des Widerstands gegen Tyrannei und Vernichtung. Doch während Veteranen Orden tragen, während in Schulklassen vom „Großen Vaterländischen Krieg“ gesprochen…

Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau (Wikipedia)

Am 9. Mai marschieren sie wieder. Panzer rollen durch Moskaus Straßen, rote Fahnen wehen, der Siegesmarsch hallt über den Roten Platz. Russland feiert das Ende des Zweiten Weltkriegs – ein Triumph über den Faschismus, ein Symbol des Widerstands gegen Tyrannei und Vernichtung. Doch während Veteranen Orden tragen, während in Schulklassen vom „Großen Vaterländischen Krieg“ gesprochen wird, fliegen russische Raketen auf Charkiw. In der Ukraine heulen die Sirenen.

Was für eine perverse Doppelmoral: Am einen Tag gedenkt der Kreml der Millionen Toten, die einst für Freiheit und gegen Unterdrückung starben. Und am nächsten Tag missbraucht er genau diesen historischen Opfermythos, um einen imperialen Angriffskrieg zu rechtfertigen. Russland inszeniert sich als Erbe der Antifaschisten – und handelt wie ein Aggressor aus dem dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts.

Wladimir Putin hat einen dreitägigen Waffenstillstand angekündigt. Doch schon jetzt scheint klar: Es bleibt wohl ein Lippenbekenntnis. Zu viele solcher „humanitären Gesten“ endeten mit neuen Bombardierungen, mit zynischem Zerschlagen von Friedensgesprächen. Glaubwürdigkeit? Verloren. Vertrauen? Zerschossen. Wie kann ein Land, das jährlich den Sieg über Nazi-Deutschland feiert, gleichzeitig zivile Infrastruktur in der Ukraine zerstören, Deportationen rechtfertigen, Kinder verschleppen?

„Nie wieder Krieg“, hieß es nach 1945. Eine Mahnung, keine Floskel. Doch Putin instrumentalisiert die Geschichte für seine Zwecke, biegt Erinnerung zu Propaganda, macht aus dem Gedenken ein Werkzeug der Manipulation. Wer heute den Nationalsozialismus bekämpft, sollte an der Seite derer stehen, die gegen Unterdrückung, gegen völkerrechtswidrige Übergriffe kämpfen. Nicht mit dem Gewehr auf sie zielen.

Es geht nicht nur um Geopolitik. Es geht um Anstand. Um das moralische Fundament einer Nation, die sich selbst immer wieder als Opfer darstellt – und dabei längst zum Täter geworden ist. Russland hat aus dem Sieg über Hitler gelernt, wie man dessen Sprache spricht, seine Methoden übernimmt – und sich gleichzeitig selbst zum „Befreier“ verklärt.

Wieder wird Putin auf dem Roten Platz stehen und von „den historischen Opfern“ sprechen. Aber wer wird ihm noch zuhören wollen? Wer wird noch glauben, dass dieses Land verstanden hat, worum es bei „Nie wieder“ wirklich geht?

Die Geschichte urteilt langsam, aber sie vergisst nie.

Ein Kommentar von Andreas Brucker

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