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Frankreich entdeckt wieder die gelbe Warnweste

Kommentar Es gibt Kleidungsstücke, die altern schlecht. Und es gibt die gelbe Warnweste. Sie liegt jahrelang im Kofferraum, zwischen Wagenheber und Verbandskasten, und wartet geduldig darauf, wieder französische Innenpolitik zu machen. Nun könnte es am 17. Oktober so weit sein. Der Sprit wird unbezahlbar, die Kaufkraft schmilzt – und plötzlich erinnert sich Frankreich daran, dass…

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Es gibt Kleidungsstücke, die altern schlecht. Und es gibt die gelbe Warnweste. Sie liegt jahrelang im Kofferraum, zwischen Wagenheber und Verbandskasten, und wartet geduldig darauf, wieder französische Innenpolitik zu machen.

Nun könnte es am 17. Oktober so weit sein. Der Sprit wird unbezahlbar, die Kaufkraft schmilzt – und plötzlich erinnert sich Frankreich daran, dass man soziale Probleme auch auf Kreisverkehren diskutieren kann.

Die Politik reagiert darauf mit jener bemerkenswerten Mischung aus Verständnis und Panik, die man in Paris offenbar „Dialog“ nennt.

Die Regierung beobachtet die Lage selbstverständlich „aufmerksam“. Das ist beruhigend. Wenn Bürger ihre Tankrechnung kaum noch bezahlen können, hilft es ungemein zu wissen, dass irgendwo in einem Ministerium jemand sehr aufmerksam schaut.

Der Rassemblement national wiederum entdeckt erwartungsgemäss das leidende Volk. Marine Le Pen versteht dessen Zorn ganz ausgezeichnet – solange niemand auf die absurde Idee kommt, sie für das anschliessende Chaos verantwortlich zu machen. Empörung: ja. Haftung: nein.

Bei La France insoumise ist die Sache einfacher. Dort gilt gesellschaftlicher Zorn beinahe als erneuerbare Energiequelle. Man muss ihn nur politisch richtig einspeisen.

Les Républicains vollbringen derweil das klassische Kunststück der konservativen Opposition: Der Bürger hat recht, solange er nicht stört. Demonstrieren darf er selbstverständlich – möglichst leise, ordentlich und ohne den Verkehr aufzuhalten. Also ungefähr so revolutionär wie eine Eigentümerversammlung.

Sozialisten und Grüne zeigen ebenfalls Verständnis. Aber bitte demokratisch, sozial gerecht, ökologisch begleitet und idealerweise nach vorheriger Terminvereinbarung.

Und genau darin liegt die bittere Komik.

2018 erklärten die Gelbwesten, dass ein Teil Frankreichs sich von Paris nicht mehr gehört fühle. Acht Jahre später diskutiert Paris wieder darüber, wie man verhindern kann, dass diese Leute zu laut werden.

Vielleicht kehren die Gelbwesten nicht zurück. Vielleicht bleibt der 17. Oktober ein digitales Strohfeuer.

Doch wenn eine Warnweste zum zweiten Mal zum politischen Warnsignal wird, sollte man sich irgendwann weniger über ihre Farbe unterhalten – und mehr darüber, warum sie wieder gebraucht wird.

Daniel Ivers

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