Editorial
Europa redet über Verteidigungsausgaben, Wettbewerbsfähigkeit, Migration und strategische Autonomie. Papst Leo XIV. spricht dagegen von Frieden, Menschenwürde, Recht, Versöhnung und den christlichen Wurzeln des Kontinents. Seine Frankreichreise zeigt: Der neue Papst versucht, eine europäische Sprache wiederzubeleben, die lange aus der Mode gekommen schien. Ob daraus politische Wirkung entsteht, ist eine andere Frage.
Es war kein zufällig gewählter Ort. Als Leo XIV. am Montag in Metz über Europas Zukunft sprach, befand er sich in einer Stadt, in der sich die dramatische Geschichte des Kontinents verdichtet. Deutsch, französisch, wieder deutsch, wieder französisch: In der Moselregion verliefen Grenzen nicht nur auf Landkarten, sondern durch Biografien und Familien. Heute liegt Metz wenige Kilometer von Luxemburg und Deutschland entfernt.
Vor allem aber ist die Region mit Robert Schuman verbunden, einem der Architekten der europäischen Einigung. Genau auf ihn berief sich Leo XIV.
Schuman habe aus der Erfahrung einer von Kriegen und wechselnden Grenzen geprägten Heimat die Überzeugung gewonnen, dass Europa nur durch Versöhnung dauerhaft Frieden finden könne. Leo überträgt diesen Gedanken auf die Gegenwart. Europa müsse seine Wurzeln kennen, wenn es seine Zukunft gestalten wolle. Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit seien nicht bloss institutionelle Formeln. Sie benötigten ein Menschenbild, geschichtliches Bewusstsein und eine moralische Grundlage.
Damit berührt der Papst eine Frage, die Europas Politik seit Jahren begleitet und doch selten grundsätzlich gestellt wird: Was hält diesen Kontinent eigentlich zusammen?
Mehr als Binnenmarkt und Verteidigung
Die Europäische Union verfügt über Verträge, Institutionen, einen Binnenmarkt und für einen Grossteil ihrer Mitglieder über eine gemeinsame Währung. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine beschäftigt sie sich intensiver denn je mit militärischer Abschreckung, Rüstung und strategischer Handlungsfähigkeit. Gleichzeitig ringt sie um Migration, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und das Verhältnis zwischen nationaler Souveränität und europäischer Integration.
Schwieriger ist die Antwort auf die Frage, was Europa jenseits dieser Interessen sein will.
Hier setzt Leo XIV. an.
Europa sei zunächst eine kulturelle und historische, erst danach eine geografische Realität. Zu ihr gehören die griechisch-römische Antike, germanische und slawische Traditionen, jüdisches Denken, die Begegnung mit der islamischen Welt – und unübersehbar das Christentum. Der Papst erinnerte in Metz insbesondere an das benediktinische Mönchtum und dessen Einfluss auf Bildung, Wissenschaft, Krankenpflege, Recht und gesellschaftliche Organisation.
Das ist zunächst eine klassische vatikanische Erinnerung an die christlichen Wurzeln Europas. Doch Leo geht weiter. Er fordert kein konfessionelles Europa. Ausdrücklich bekennt er sich zur Laizität staatlicher Institutionen. Staat und Religionsgemeinschaften sollen ihre jeweilige Autonomie respektieren.
Sein Europa soll seine christliche Prägung kennen, ohne deshalb ein christlicher Staat zu werden.
Gerade in Frankreich besitzt dieser Gedanke Gewicht.
Ein Papst jenseits vertrauter Lager
Leo XIV. vertritt Positionen, die sich nur schwer in das europäische Links-Rechts-Schema einordnen lassen.
Er spricht von Familie, dem Schutz ungeborenen Lebens und der christlichen Tradition. Zugleich fordert er sichere und legale Migrationswege, wirksamen Schutz vor Menschenhandel und ernsthafte Integration. Aufnahme bedeute für ihn mehr, als Menschen über eine Grenze zu lassen. Wer jemanden aufnehme, müsse ihm ermöglichen, Fähigkeiten zu entfalten und Teil der Gesellschaft zu werden.
Auch beim Thema Krieg entzieht sich Leo der üblichen Lagerbildung.
Er verteidigt internationales Recht und Multilateralismus. Zugleich warnt er vor der «Illusion der Wiederaufrüstung». Verhandlungen verlangten Mut und mitunter die Bereitschaft, Positionen zugunsten eines übergeordneten Friedensziels aufzugeben. Gleichzeitig stellt er ausdrücklich klar, dass Frieden nicht mit naivem Pazifismus verwechselt werden dürfe.
Hier liegt die empfindlichste Stelle seiner europäischen Botschaft.
Frieden ist ein moralisches Ziel. Wie er gegenüber einem Staat erreicht werden kann, der Grenzen mit militärischer Gewalt verändert, ist dagegen eine strategische Frage. Gerade Polen, Balten oder Finnen können aufgrund ihrer Geschichte zu anderen Schlussfolgerungen über Abschreckung und militärische Stärke kommen als der Vatikan.
Leo liefert deshalb keine europäische Sicherheitsdoktrin. Er fragt vielmehr nach deren Zweck und Grenzen.
Schuman statt Sonntagsrede
Deshalb ist Robert Schuman für Leo XIV. mehr als eine historische Referenz.
Die europäische Einigung entstand nicht aus abstraktem Idealismus. Ihre Gründergeneration kannte Krieg, Besatzung und Nationalismus aus eigener Erfahrung. Schuman, Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi waren überzeugte Christen – und ausgesprochen pragmatische Politiker.
Ihr Projekt begann nicht mit einer europäischen Hymne, sondern mit Kohle und Stahl. Gerade jene Industrien, ohne die moderne Kriege kaum zu führen waren, sollten gemeinsam kontrolliert werden. Aus einer moralischen Schlussfolgerung entstand eine institutionelle Konstruktion.
Moral und Realpolitik waren keine Gegensätze.
Bereits im April hatte Leo vor Vertretern der Europäischen Volkspartei an diese Tradition erinnert. Politik brauche einen Horizont und ein Ideal, dürfe aber nicht zur Ideologie werden. Christliches politisches Engagement bedeute nicht, eine konfessionelle Ordnung zu errichten, sondern am Gemeinwohl zu arbeiten.
Darin liegt womöglich der interessanteste Teil seiner Botschaft.
Der Papst versucht nicht, Europa katholischer zu machen. Er versucht, die politischen Kategorien des Kontinents wieder mit moralischen Fragen zu verbinden.
Die Leerstelle Europas
Dass diese Sprache auf Resonanz stossen kann, zeigte auch die Frankreichreise. Zur Messe auf der Place de la Concorde und entlang der Champs-Élysées kamen nach Schätzung des Vatikans rund 800 000 Menschen – etwa 200 000 mehr, als zuvor angemeldet waren.
Das ist kein Beweis für eine religiöse Renaissance. Frankreich bleibt eine stark säkularisierte Gesellschaft, und der langfristige Rückgang traditioneller kirchlicher Bindung ist nicht verschwunden. Europas Gesellschaften sind zudem religiös und kulturell pluraler als zu Schumans Zeiten.
Gerade deshalb ist interessant, ob Leo eine Leerstelle besetzt.
Die europäische Politik beherrscht die Sprache der Ökonomie. Zunehmend lernt sie auch wieder die Sprache der Macht. Sie spricht von Produktivität, Defizitquoten, Verteidigungsausgaben, strategischer Autonomie, Grenzschutz und Wettbewerbsfähigkeit.
Schwerer fällt ihr die Sprache der Sinnstiftung.
Warum soll Europa zusammenbleiben? Was unterscheidet eine politische Gemeinschaft von einer blossen Interessengemeinschaft wohlhabender Staaten? Welche Verpflichtungen ergeben sich aus der Würde des Menschen? Was schuldet eine Generation der nächsten? Und wie viel kulturelle Verschiedenheit verträgt eine Gesellschaft, ohne ihren inneren Zusammenhang zu verlieren?
Solche Fragen lassen sich nicht mit einer EU-Richtlinie beantworten.
Kein Gegenpräsident Europas
Leo XIV. wird deshalb nicht zum politischen Führer Europas. Der Vatikan besitzt weder die demokratische Legitimation noch die Instrumente dafür. Und der Papst beansprucht diese Rolle erkennbar nicht.
Seine mögliche Bedeutung liegt anderswo.
Ein Papst kann Fragen stellen, die ein Regierungschef nur schwer stellen kann. Er muss keine Wahl gewinnen, keine Koalition zusammenhalten und keinen Haushalt durch ein Parlament bringen. Das gibt ihm die Freiheit, Grundsätzliches anzusprechen, das im politischen Tagesgeschäft leicht verschwindet.
Leo beschreibt Europa als eine Ordnung, die ihre Verschiedenheit nicht beseitigen, sondern in eine «konstruktive Harmonie» bringen müsse. Darin steckt tatsächlich ein grosser Teil des europäischen Problems.
Wie können Franzosen Franzosen, Polen Polen und Italiener Italiener bleiben und zugleich Europäer sein? Wie können Christen, Muslime, Juden, Agnostiker und Atheisten in denselben Gesellschaften leben, ohne dass Identität entweder zur Waffe oder zur Bedeutungslosigkeit wird? Wie kann Europa seine Geschichte bewahren und zugleich Menschen integrieren, die andere Geschichten mitbringen?
Leo XIV. löst diese Widersprüche nicht auf. Er bietet auch keine neue politische Doktrin an. Seine Begriffe lauten Erinnerung und Dialog, Integration und Menschenwürde, Recht und Multilateralismus, Gemeinwohl und Versöhnung.
Das mag gegenüber Panzern, Handelskriegen und Migrationskrisen abstrakt erscheinen. Doch politische Ordnungen leben auf Dauer nicht nur davon, was sie abwehren und finanzieren können. Sie müssen auch erklären können, wofür sie bestehen.
Während Europa darüber diskutiert, wie stark es werden muss, stellt der Papst deshalb eine andere Frage: Wofür soll Europa stark sein?
Wenn Leo XIV. diese Frage in den kommenden Jahren beharrlich weiterstellt, könnte ausgerechnet der amerikanische Papst zu einer ungewöhnlichen europäischen Stimme werden. Nicht als Sprecher einer Partei und nicht als geistlicher Präsident des Kontinents, sondern als Mahner, dass Europa mehr sein muss als Binnenmarkt, Grenze und Verteidigungsbündnis.
Robert Schuman hätte diesen Gedanken vermutlich verstanden.
Andreas M. Brucker