Man muss der französischen Politik eines lassen: Wenn irgendwo gespart werden soll, findet sie mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit jene, die garantiert nicht auf die Barrikaden gehen. Diesmal sind es Kinder. Praktisch. Die haben weder Lobbyisten in Paris noch Vorstandsvorsitzende auf der Kurzwahltaste und verfassen gewöhnlich auch keine bösen Briefe an Ministerien. Sie sitzen einfach im Klassenzimmer. Bei 30, 35 oder noch mehr Grad.
Und schwitzen.
Noch vor wenigen Wochen, mitten in der Gluthitze, klang alles wunderbar entschlossen. Frankreich müsse seine Schulen an den Klimawandel anpassen. Rund 12.500 Einrichtungen sollten Unterstützung erhalten, zunächst besonders gefährdete Schulen. 56 Millionen Euro standen dafür bereit.
Nun sind daraus 16 Millionen geworden.
40 Millionen Euro weg. Rund 71 Prozent der vorgesehenen Summe. Zack.
Aber selbstverständlich, so heißt es aus dem Bildungsministerium, gebe es „keine Verringerung der Ambitionen“. Herrlich. Diesen Satz sollte man sich einrahmen. Vielleicht direkt über die Tafel eines Klassenzimmers hängen, in dem im nächsten Sommer Kinder bei tropischen Temperaturen Mathematik lernen. Wenn schon keine Außenjalousien vorhanden sind, spendet politische Sprachakrobatik womöglich wenigstens Schatten.
Natürlich verschwindet das Geld nicht einfach im Bermuda-Dreieck des französischen Staatshaushalts. Es soll voraussichtlich anderen Aufgaben der Energiewende dienen. Das Klima darf also aufatmen – nur die Schüler besser nicht zu tief, denn die Luft im Klassenzimmer steht.
Dabei zeigte der vergangene Juni ziemlich eindrucksvoll, worüber hier gesprochen wird. Tausende Schulen mussten zeitweise schließen, Tausende weitere änderten ihre Unterrichtszeiten. Viele Gebäude besitzen keinen vernünftigen Sonnenschutz, keine ausreichende Dämmung und kaum Möglichkeiten zur nächtlichen Lüftung.
Aber gut, Kinder sind bekanntlich flexibel.
Vielleicht gehört Schwitzen inzwischen einfach zum pädagogischen Konzept. Französisch, Mathematik, Geschichte und Hitzetoleranz. Wer bei 34 Grad noch einen Dreisatz löst, ist schließlich bestens auf die Zukunft vorbereitet.
Besonders bitter bleibt der Zeitpunkt. Erst kommt die Hitzewelle. Dann folgt die politische Ankündigung. Große Worte, ambitionierte Ziele, entschlossene Gesichter. Und kaum zwei Monate später greift jemand zum Rotstift.
Das nennt man vermutlich vorausschauende Klimapolitik.
Gewiss: Der gesamte französische Plan zur energetischen Sanierung von Schulen verschwindet nicht, und auch andere Fördertöpfe bleiben bestehen. Die ersten besonders gefährdeten Einrichtungen sollen weiterhin untersucht werden. Genau diese Differenzierung gehört zur Wahrheit.
Doch sie macht die Sache kaum schöner.
Denn eine Diagnose kühlt kein Klassenzimmer. Ein Gutachten montiert keine Jalousie. Eine Analyse pflanzt keinen Baum auf einen asphaltierten Schulhof. Und ein politisches Versprechen erzeugt keinen Luftzug.
Am Ende offenbart diese Kürzung deshalb mehr als einen Streit um 40 Millionen Euro. Sie zeigt eine politische Gewohnheit, die erschreckend vertraut wirkt: Vorsorge klingt großartig, solange sie nichts kostet. Sobald Rechnungen auf dem Tisch liegen, beginnt das Verschieben, Strecken und Vertrösten.
Die Rechnung dafür landet später bei denen, die am wenigsten Einfluss besitzen.
Diesmal sitzen sie auf kleinen Stühlen und sollen sich konzentrieren, während draußen die nächste Hitzewelle anrollt.
Aber keine Sorge.
An den Ambitionen wurde schließlich nicht gespart.
Nur am Geld.
C. Hatty