Editorial

Russlands neue Waffe ist nicht die Lüge – sondern der Zweifel

Editorial Die Zahl wirkt wie eine jener Schlagzeilen, die selbst aus einer Desinformationskampagne stammen könnten: plus 850 Prozent innerhalb eines Jahres. Doch in diesem Fall ist die Größenordnung dokumentiert. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 421 gefälschte Nachrichtenbeiträge registriert, die sich als Produkte etablierter Medien ausgaben. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 44 gewesen. Der…

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Editorial

Die Zahl wirkt wie eine jener Schlagzeilen, die selbst aus einer Desinformationskampagne stammen könnten: plus 850 Prozent innerhalb eines Jahres. Doch in diesem Fall ist die Größenordnung dokumentiert. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 421 gefälschte Nachrichtenbeiträge registriert, die sich als Produkte etablierter Medien ausgaben. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 44 gewesen. Der Befund bedeutet nicht, dass «die russische Desinformation» insgesamt um 850 Prozent zugenommen hätte. Er beschreibt eine bestimmte Methode. Gerade diese Präzisierung macht die Entwicklung allerdings nicht weniger beunruhigend.

Denn die Strategie verändert sich. Propaganda versucht nicht mehr nur, eine alternative Wirklichkeit zu konstruieren. Sie beginnt, die Institutionen zu imitieren, auf denen die gemeinsame Wirklichkeit einer demokratischen Gesellschaft beruht.

Die Fälscher tragen jetzt Anzug und Krawatte

Die klassische Desinformation hatte ein Erkennungsproblem. Dubiose Telegram-Kanäle, anonyme Accounts oder offensichtlich parteiische Websites konnten zwar hohe Reichweiten erzielen, verrieten aber häufig schon durch ihre Herkunft, welchem politischen Lager sie zuzuordnen waren.

Die neuere Generation der Informationsmanipulation funktioniert anders. Sie übernimmt Logos, Schriftarten, Bildschirmgrafiken und das redaktionelle Erscheinungsbild etablierter Medien. Ein erfundener Fernsehbeitrag sieht aus wie ein Beitrag von Euronews. Eine manipulierte Nachrichtenseite erinnert an ein vertrautes Nachrichtenportal. Zitate real existierender Wissenschafter oder Politiker werden erfunden und in ein scheinbar professionelles journalistisches Umfeld eingebettet.

Seit Beginn der russischen Grossinvasion in der Ukraine im Jahr 2022 sind nach einer aktuellen Erhebung 906 solcher gefälschten Beiträge identifiziert worden. Sie imitierten 163 Medienmarken in 21 Ländern.

Der entscheidende Rohstoff dieser Operationen ist damit nicht mehr nur Aufmerksamkeit. Es ist Vertrauen.

Die Produzenten von Desinformation müssen keine eigene Glaubwürdigkeit aufbauen, wenn sie die Glaubwürdigkeit anderer stehlen können. Die BBC, France 24, Bloomberg, Politico oder französische Tageszeitungen werden gewissermassen unfreiwillig zu Markenlieferanten einer Propagandamaschinerie, deren Botschaften gerade deshalb glaubwürdig wirken sollen, weil ihre tatsächlichen Urheber unsichtbar bleiben.

Frankreich ist ein bevorzugtes Ziel

Besonders stark betroffen sind neben der Ukraine Frankreich und Deutschland. Das ist politisch wenig überraschend. Beide Staaten spielen eine zentrale Rolle bei der europäischen Unterstützung der Ukraine und besitzen zugleich grosse, pluralistische Öffentlichkeiten, in denen politische Konflikte offen ausgetragen werden.

Frankreich ist seit längerem ein wichtiges Versuchsfeld solcher Operationen. Die französische Behörde Viginum dokumentierte bereits 2024 die sogenannte Matriochka-Kampagne. Dabei wurden gefälschte Inhalte verbreitet, die das Erscheinungsbild französischer Medien und Institutionen übernahmen. Anschliessend versuchten koordinierte Accounts teilweise sogar, Journalisten und Faktenprüfer dazu zu bewegen, diese Fälschungen zu untersuchen.

Das Verfahren ist raffiniert. Denn selbst die Widerlegung eines falschen Inhalts erzeugt Aufmerksamkeit.

Anfang 2026 registrierten Beobachter binnen weniger Wochen fünfzehn falsche Narrative der Matriochka-Kampagne, die gezielt französische Interessen berührten. Die Themen wechseln, die Struktur bleibt ähnlich: Zweifel an der Ukraine, Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, persönliche Angriffe auf politische Führungspersönlichkeiten und Erzählungen über angebliche Korruption oder gesellschaftlichen Kontrollverlust.

Mit Blick auf die französische Präsidentschaftswahl 2027 verdient diese Entwicklung Aufmerksamkeit. Daraus folgt allerdings nicht, dass solche Kampagnen automatisch die politische Meinung grosser Bevölkerungsteile verändern. Zwischen Produktion, Verbreitung, Reichweite und tatsächlicher Überzeugungswirkung liegen erhebliche Unterschiede.

Gerade diese Unterscheidung ist wichtig. Wer jede russische Fälschung zum Beweis einer erfolgreichen Manipulation erklärt, übernimmt ungewollt einen Teil der Selbstdarstellung ihrer Urheber.

Künstliche Intelligenz verändert die Ökonomie der Propaganda

Neu ist weniger das politische Ziel als die industrielle Skalierung.

Propaganda war schon immer eine Frage der Produktionskosten. Flugblätter mussten gedruckt, Radiosender betrieben, Filme produziert und Agentennetzwerke finanziert werden. Digitale Technologien haben diese Kosten drastisch reduziert. Generative künstliche Intelligenz senkt sie weiter.

Texte lassen sich innerhalb von Sekunden übersetzen. Stimmen können synthetisch erzeugt werden. Bilder, Logos und Grafiken entstehen automatisiert. Ein Narrativ kann zugleich für französische, deutsche, polnische oder englischsprachige Zielgruppen angepasst werden.

Der Europäische Auswärtige Dienst stellte für 2025 bei 27 Prozent der von ihm untersuchten Fälle ausländischer Informationsmanipulation den Einsatz von Techniken mit Bezug zu künstlicher Intelligenz fest. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl entsprechender Fälle von 41 auf 147.

Das verändert die Logik solcher Operationen. Nicht jeder einzelne Beitrag muss besonders überzeugend sein. Entscheidend ist die Masse.

Ein Teil der Inhalte bleibt technisch mangelhaft und erreicht nur geringe organische Resonanz. Doch das ist möglicherweise gar kein entscheidender Nachteil. Wenn die Produktionskosten gegen null tendieren, können Tausende Versuche gestartet werden, von denen nur wenige erfolgreich sein müssen.

Desinformation übernimmt damit eine Logik, die aus anderen Bereichen der digitalen Wirtschaft bekannt ist: Skalierung ersetzt Präzision.

Die eigentliche Attacke richtet sich gegen Gewissheit

Die gefährlichste Wirkung solcher Kampagnen besteht möglicherweise nicht darin, Menschen dauerhaft von einer konkreten Unwahrheit zu überzeugen.

Sie besteht darin, Unsicherheit zu produzieren.

Wer wiederholt erlebt, dass ein vermeintlicher Fernsehbeitrag gefälscht sein kann, ein Zeitungslogo kopiert wurde und ein angebliches Expertenzitat niemals gefallen ist, beginnt irgendwann möglicherweise nicht nur den Fälschungen, sondern auch authentischen Informationen zu misstrauen.

Damit entsteht ein asymmetrischer Vorteil für politische Akteure, deren Kommunikationsstrategie auf Relativierung beruht. Sie müssen nicht beweisen, dass ihre eigene Darstellung wahr ist. Es genügt, den Eindruck zu erzeugen, niemand könne überhaupt noch wissen, was wahr sei.

Das ist ein älteres Prinzip autoritärer Informationspolitik in technologisch modernisierter Form.

Die sowjetische «aktive Massnahme» zielte bereits darauf, gesellschaftliche Konflikte des Gegners zu verstärken und Vertrauen in Institutionen zu schwächen. Heute erlauben soziale Netzwerke, Automatisierung und künstliche Intelligenz eine Geschwindigkeit und geografische Reichweite, die frühere Geheimdienste nur mit erheblich grösserem Aufwand erreichen konnten.

Europas schwierige Antwort

Die demokratischen Staaten stehen damit vor einem Dilemma.

Ignorieren sie gefälschte Inhalte, können sich diese ungestört verbreiten. Widerlegen Behörden und Medien jede Fälschung öffentlichkeitswirksam, erhöhen sie unter Umständen deren Reichweite. Eine Desinformationskampagne kann dadurch paradoxerweise von genau jenen Institutionen verstärkt werden, die sie bekämpfen wollen.

Eine rein kommunikative Antwort reicht deshalb nicht.

Medienunternehmen werden ihre Marken zunehmend ähnlich schützen müssen wie Banken ihre Zahlungssysteme. Technische Authentifizierung, nachvollziehbare Herkunft digitaler Inhalte und schnelle gemeinsame Warnmechanismen gewinnen an Bedeutung. Plattformen wiederum stehen vor der Aufgabe, koordinierte Verbreitungsnetzwerke schneller zu erkennen, ohne politische Debatten pauschal unter Manipulationsverdacht zu stellen.

Vor allem aber verlangt die Entwicklung eine nüchterne Öffentlichkeit.

Nicht jeder provozierende Beitrag ist Teil einer russischen Operation. Nicht jede Falschmeldung ist staatlich organisiert. Und nicht jede dokumentierte Kampagne erreicht ihr politisches Ziel. Wer diese Unterschiede verwischt, macht das Phänomen grösser und mystischer, als es sein muss.

Gerade deshalb ist die Zahl von 850 Prozent bemerkenswert. Nicht weil sie beweisen würde, dass russische Propaganda plötzlich zehnmal mächtiger geworden ist. Sondern weil sie zeigt, wohin sich ihre Methoden bewegen.

Der moderne Informationskrieg versucht zunehmend nicht mehr, ein alternatives Medium aufzubauen. Er kopiert das vorhandene.

Das ist zugleich eine eigentümliche Anerkennung der traditionellen Presse. Die Fälscher übernehmen Logos von Zeitungen und Fernsehsendern, weil deren Namen noch immer Vertrauen besitzen. Sie imitieren Journalismus, weil Glaubwürdigkeit weiterhin einen Wert hat.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob demokratische Gesellschaften jede Lüge rechtzeitig aus dem Netz entfernen können. Das werden sie nicht schaffen.

Entscheidend ist, ob Bürger auch in einer Welt nahezu perfekter Fälschungen noch erkennen können, warum einer Information vertraut werden sollte – und warum einer anderen nicht.

P.T.

Quellen: NewsGuard, Hijacking Trusted Media Brands: Russia’s Favorite Disinformation Tactic Against the West Surged by 850 Percent in the Last Year (28. September 2026); Europäischer Auswärtiger Dienst, 4th EEAS Report on FIMI Threats (März 2026); Viginum/SGDSN, Matriochka – une campagne prorusse ciblant les médias et la communauté des fact-checkers (2024); Le Monde, Berichterstattung zu Desinformationsoperationen gegen Frankreich (Januar/Februar 2026).

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