Eine angebliche Warnung der CIA vor russischen Drohnenangriffen auf Frankreich, Spanien und Italien sorgt in Europa für Unruhe. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat nun einen entscheidenden Teil der Geschichte ausdrücklich zurückgewiesen: Die französischen Dienste hätten keine entsprechende Warnung der CIA erhalten. Die Möglichkeit russischer Angriffe auf französische Infrastruktur hält Macron jedoch keineswegs für ausgeschlossen. Damit wird aus einer vermeintlichen Geheimdienstenthüllung eine kompliziertere Geschichte über hybride Kriegführung, Abschreckung und die wachsende Verwundbarkeit Europas.
Eine spektakuläre Meldung aus Spanien
Ausgangspunkt der Kontroverse ist eine Recherche der spanischen Tageszeitung El Mundo. Demnach sollen amerikanische Nachrichtendienste Informationen über eine mögliche russische Operation gegen Ziele in Südeuropa gesammelt haben. Als potenzielle Zielländer wurden Frankreich, Spanien und Italien genannt.
Das beschriebene Szenario ist militärisch ebenso ungewöhnlich wie beunruhigend. Russland könnte dem Bericht zufolge sogenannte Gerbera-Drohnen auf Handelsschiffen oder in Containern im Mittelmeer verbergen und von See aus starten. Die Reichweite dieser Fluggeräte wurde in den Berichten mit bis zu 600 Kilometern angegeben. Dadurch könnten Ziele erreicht werden, die weit entfernt von Russlands Grenzen liegen.
Gerbera-Drohnen sind vergleichsweise einfache unbemannte Fluggeräte und ähneln äußerlich den iranisch entwickelten Shahed-Systemen, die Russland im Krieg gegen die Ukraine in großer Zahl einsetzt. Gerade ihre vergleichsweise niedrigen Kosten machen solche Systeme sicherheitspolitisch interessant: Selbst technisch einfache Drohnen können aufwendige Luftverteidigung binden und erhebliche Unsicherheit erzeugen.
Nach Darstellung von El Mundo sollen Informationen über ein entsprechendes Szenario mehreren europäischen Regierungen bekanntgemacht worden sein. Die Zeitung brachte die Vorgänge zudem mit der Moskau-Reise des CIA-Direktors John Ratcliffe vom 25. August in Verbindung.
Genau an diesem Punkt beginnt allerdings das Problem der Beweislage. Die detaillierte Darstellung beruht auf anonymen Quellen. Eine öffentliche Bestätigung der CIA für eine konkrete operative Warnung an Paris liegt bislang nicht vor.
Macron widerspricht im französischen Fernsehen
Besondere Bedeutung erhielt die Affäre am Donnerstagabend, dem 24. September, als Emmanuel Macron in einem gemeinsamen Fernsehinterview von TF1 und France 2 Stellung nahm.
Der französische Präsident formulierte seine Antwort bemerkenswert eindeutig: „Die CIA hat die französischen Dienste nicht über einen solchen Angriff informiert.“
Damit widersprach Macron einem zentralen Bestandteil der in Spanien veröffentlichten Darstellung. Seine Aussage bedeutet allerdings nicht, dass Paris die grundsätzliche Gefahr russischer Operationen gegen Frankreich für erfunden hält.
Im Gegenteil.
Auf die Frage, ob sich ein Drohnenangriff gegen eine französische Einrichtung ereignen könne, antwortete Macron sinngemäss mit Ja. Er sprach von einer Lage, die sich zunehmend zuspitze, und verwies auf die wachsende Zahl feindseliger Aktionen in Europa.
Das ist die entscheidende Unterscheidung in der gegenwärtigen Debatte: Macron dementiert die behauptete konkrete CIA-Warnung, nicht aber das zugrunde liegende Bedrohungsszenario.
Bereits wenige Tage zuvor hatte der Präsident Vertreter der französischen Parteien zu Beratungen über die veränderte Sicherheitslage eingeladen. Nach französischen Medienberichten präsentierten dabei auch Vertreter der Nachrichtendienste ihre Einschätzung der Bedrohung. Macron hatte anschliessend vor einer Veränderung der russischen Vorgehensweise gegenüber Europa gewarnt.
Paris sieht eine zunehmende hybride Bedrohung
Die französische Position muss vor dem Hintergrund einer breiteren europäischen Entwicklung verstanden werden. Paris betrachtet Cyberangriffe, Sabotage, Einflussoperationen und Drohnenaktivitäten zunehmend als Bestandteile einer hybriden Strategie Russlands.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt zuletzt der Zwischenfall am Flughafen Leipzig/Halle. Deutschland machte Russland für einen versuchten Drohnenangriff verantwortlich. Moskau weist entsprechende Anschuldigungen zurück.
Auch die NATO behandelt hybride Angriffe inzwischen als zentrale sicherheitspolitische Herausforderung. Generalsekretär Mark Rutte erklärte im September in Berlin die Solidarität des Bündnisses mit Deutschland nach dem Leipziger Vorfall. Die zunehmende Bedeutung von Drohnen verändert dabei die klassische Vorstellung europäischer Sicherheit.
Während sich die militärische Planung der NATO jahrzehntelang stark auf Raketen, Kampfflugzeuge und konventionelle Streitkräfte konzentrierte, hat der Krieg in der Ukraine gezeigt, welche strategische Wirkung billige unbemannte Systeme entfalten können.
Drohnen können militärische Einrichtungen angreifen, Flughäfen zeitweise lahmlegen, Energieinfrastruktur bedrohen oder Luftverteidigungssysteme beschäftigen. Ebenso wichtig ist ihre psychologische Wirkung. Bereits einzelne Vorfälle können politische Debatten über Verwundbarkeit, Eskalation und staatliche Schutzfähigkeit auslösen.
Auch Italien widerspricht
Frankreich steht mit seinen Zweifeln an der veröffentlichten CIA-Geschichte nicht allein.
Der italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto widersprach am 24. September ebenfalls öffentlich der Darstellung aus Spanien. Die Meldung über mögliche Angriffe auf Italien, Spanien und Frankreich finde keine Bestätigung, erklärte er.
Nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur ANSA war eine entsprechende Warnung weder auf operativer noch auf geheimdienstlicher, diplomatischer oder militärischer Ebene eingegangen.
Crosetto warnte zugleich davor, in einer ohnehin angespannten Situation zusätzlich „Benzin ins Feuer“ zu giessen.
Damit ergibt sich eine bemerkenswerte Konstellation: Eine grosse spanische Zeitung berichtet unter Berufung auf informierte Quellen über eine amerikanische Geheimdienstwarnung, während zwei der angeblich gewarnten Regierungen öffentlich erklären, eine solche Warnung nicht erhalten zu haben beziehungsweise keine Bestätigung dafür zu besitzen.
Das beweist nicht zwangsläufig, dass die Recherche von El Mundo falsch ist. Geheimdienstinformationen werden häufig nur einem kleinen Kreis zugänglich gemacht; Regierungen bestätigen entsprechende Vorgänge nicht automatisch öffentlich. Umgekehrt darf aus anonymen Quellen aber auch keine gesicherte Tatsache konstruiert werden.
Drei Ebenen müssen auseinandergehalten werden
Für die Einordnung der Affäre ist deshalb eine klare Trennung notwendig.
Erstens gibt es das konkrete Szenario einer CIA-Warnung vor Gerbera-Drohnen, die von Handelsschiffen oder Containern im Mittelmeer gestartet werden könnten. Diese Darstellung stammt im Kern aus der Recherche von El Mundo und wurde bislang nicht unabhängig öffentlich bestätigt.
Zweitens gibt es die offiziellen Dementis aus Paris und Rom. Macron erklärte ausdrücklich, dass die CIA die französischen Dienste nicht über einen solchen Angriff informiert habe. Crosetto erklärte seinerseits, die entsprechende Warnung finde in Italien keine Bestätigung.
Drittens existiert die wesentlich breitere Frage der russischen hybriden Bedrohung Europas. Diese wird von Frankreich, Deutschland, der NATO und anderen europäischen Staaten sehr wohl ernst genommen.
Gerade deshalb ist Macrons Fernsehauftritt politisch interessant. Der Präsident versuchte, zwei Botschaften gleichzeitig zu vermitteln: Er wollte eine nicht bestätigte Geheimdienstgeschichte korrigieren, ohne den Eindruck zu erwecken, Frankreich unterschätze die russische Bedrohung.
Das ist ein schwieriger Balanceakt. Ein Staatspräsident muss verhindern, dass unbestätigte Informationen unnötige Angst auslösen. Gleichzeitig würde eine pauschale Entwarnung der Sicherheitslage nicht gerecht.
Das Mittelmeer als neue sicherheitspolitische Flanke
Sollten von Handelsschiffen gestartete Drohnen tatsächlich Teil künftiger russischer Operationsplanungen sein, hätte dies erhebliche Konsequenzen für Europas Sicherheitsarchitektur.
Die klassische geografische Trennung zwischen NATO-Ostflanke und dem vermeintlich sichereren West- und Südeuropa würde weiter an Bedeutung verlieren. Ein Container auf einem Frachtschiff könnte theoretisch näher an ein Ziel gebracht werden als ein Flugkörper, der von russischem Territorium startet.
Häfen, Raffinerien, LNG-Terminals, Militärstützpunkte, Kommunikationsanlagen, Flughäfen und Stromnetze würden damit stärker in den Fokus rücken.
Das eigentliche strategische Problem liegt deshalb weniger in der Frage, ob genau jene Operation bevorsteht, die El Mundo beschrieben hat. Entscheidend ist, dass moderne Drohnentechnik die Kosten und Voraussetzungen für weitreichende Sabotage- und Einschüchterungsoperationen erheblich verändert.
Europa muss inzwischen mit einer Grauzone zwischen Frieden und offenem Krieg umgehen. Cyberangriffe, Sabotageakte, Desinformation und schwer zuzuordnende Drohnenoperationen können unterhalb der Schwelle eines klassischen militärischen Angriffs bleiben und dennoch erheblichen politischen Schaden verursachen.
Macrons Auftritt bei TF1 und France 2 zeigt deshalb exemplarisch, wie schwierig Kommunikation in dieser Grauzone geworden ist. Eine spektakuläre Meldung über eine CIA-Warnung lässt sich nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht bestätigen. Frankreich und Italien widersprechen wesentlichen Teilen der Darstellung ausdrücklich.
Die dahinterstehende sicherheitspolitische Frage verschwindet dadurch jedoch nicht. Macron selbst machte dies deutlich: Frankreich habe bislang keinen Angriff wie jenen erlebt, der Deutschland zugeschrieben wird. Dass so etwas geschehen könne, schloss er ausdrücklich nicht aus.
Gerade diese Differenzierung ist entscheidend. Eine konkrete Warnung kann unbelegt sein, während das beschriebene Angriffsmuster grundsätzlich plausibel bleibt. Zwischen Alarmismus und Verharmlosung liegt deshalb jene nüchterne Unsicherheit, mit der europäische Regierungen in der Ära hybrider Kriegführung zunehmend umgehen müssen.
P.T.
Quellen: El Mundo (24. September 2026, Recherche von Xavier Colás zur mutmasslichen US-Geheimdienstwarnung); Le Monde (24./25. September 2026, Berichterstattung zum Interview Emmanuel Macrons auf TF1 und France 2 sowie zur russischen hybriden Bedrohung); Reuters (18. und 24. September 2026, französische Reaktion auf hybride Bedrohungen und Macrons Fernsehinterview); ANSA (24. September 2026, Stellungnahme des italienischen Verteidigungsministers Guido Crosetto); NATO (10. September 2026, Erklärung von Generalsekretär Mark Rutte zu hybriden Bedrohungen und Leipzig); Euronews (24. September 2026, Berichte zur angeblichen CIA-Warnung und zu Macrons Dementi); RTL France (24. September 2026, Zusammenfassung des Interviews von Emmanuel Macron).