Editorial

Frankreichs Schülerprotest wird zum Test für den Staat

Frankreich hat Erfahrung mit sozialen Bewegungen. Doch gerade deshalb wäre es voreilig, die seit Wochen anhaltenden Proteste der Gymnasiasten entweder zum Vorboten eines neuen Mai 1968 zu erklären oder als vorübergehende Revolte einer unzufriedenen Jugend abzutun. Entscheidend ist inzwischen nicht mehr, wie viele Schulen blockiert werden. Entscheidend ist, ob es den Schülern gelingt, aus einem…

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Frankreich hat Erfahrung mit sozialen Bewegungen. Doch gerade deshalb wäre es voreilig, die seit Wochen anhaltenden Proteste der Gymnasiasten entweder zum Vorboten eines neuen Mai 1968 zu erklären oder als vorübergehende Revolte einer unzufriedenen Jugend abzutun. Entscheidend ist inzwischen nicht mehr, wie viele Schulen blockiert werden. Entscheidend ist, ob es den Schülern gelingt, aus einem Konflikt über Klassenzimmer, Lehrermangel und marode Gebäude eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung zu machen.

Am Dienstag, dem 6. Oktober, wird diese Frage erstmals ernsthaft beantwortet werden. Studenten haben sich angeschlossen, Gewerkschaften unterstützen die Mobilisierung, Lehrer beteiligen sich. Damit steht Frankreich an einem jener schwer bestimmbaren Punkte, an denen aus vielen einzelnen Beschwerden eine gemeinsame politische Erzählung entstehen kann. Noch ist es nicht so weit. Aber die Voraussetzungen dafür sind vorhanden.

Eine Revolte ohne einzelnes Gesetz

Der ungewöhnlichste Aspekt dieser Bewegung besteht darin, dass sie sich nicht gegen eine bestimmte Reform richtet. Es gibt keinen Gesetzestext, den die Regierung zurückziehen könnte, keinen Artikel, dessen Streichung die Protestierenden als Sieg verbuchen könnten.

Die Beschwerden reichen vom Ausfall von Lehrern und überfüllten Klassen über heruntergekommene Gebäude bis zu langen Schultagen, Problemen bei der Studienorientierung und den Ungleichheiten zwischen wohlhabenden und benachteiligten Regionen. Am Montag waren nach unterschiedlichen Zählungen noch mehrere hundert der rund 3700 französischen Gymnasien von Störungen betroffen. Die Bewegung, die im September im Grossraum Paris begann, hat inzwischen nahezu das ganze Land erreicht.

Darin liegt ihre Stärke – und zugleich ihre Schwäche.

Eine konkrete Forderung erlaubt Verhandlungen. Ein allgemeines Gefühl, dass der Staat seine Aufgaben nicht mehr angemessen erfüllt, lässt sich weit schwerer befrieden. Wer über fehlende Lehrer klagt, spricht zunächst über Bildungspolitik. Wer aber daraus den Eindruck ableitet, dass Herkunft und Wohnort zunehmend über die Qualität staatlicher Leistungen entscheiden, stellt eine grundsätzlichere Frage: Funktioniert das republikanische Versprechen der Gleichheit noch?

Damit berührt der Protest einen empfindlichen Nerv der französischen Gesellschaft.

Die gefährliche Verbindung der Unzufriedenen

Politisch bedeutsam wird die Bewegung vor allem durch ihre Ausbreitung auf die Universitäten. Rund dreissig Hochschulstandorte waren zuletzt von Blockaden oder Schliessungen betroffen. Studenten- und Schülerorganisationen haben gemeinsame Forderungen formuliert.

Die französische Geschichte zeigt, weshalb Regierungen solche Entwicklungen aufmerksam verfolgen.

1986 brachte der Protest gegen die Hochschulreform von Alain Devaquet Hunderttausende Schüler und Studenten auf die Strasse. 1994 scheiterte der sogenannte contrat d'insertion professionnelle am Widerstand junger Menschen. Besonders lehrreich bleibt 2006 der Konflikt um den contrat première embauche, den CPE. Entscheidend war damals nicht allein der studentische Widerstand. Erst die Verbindung von Schülern, Studenten und Arbeitnehmerorganisationen verwandelte eine Auseinandersetzung über den Berufseinstieg junger Menschen in eine nationale soziale Krise. Die Regierung zog das Vorhaben zurück.

Frankreich besitzt eine politische Kultur, in der solche Bündnisse schneller entstehen können als in vielen anderen europäischen Ländern. Der Staat ist zentralistisch organisiert, politische Konflikte konzentrieren sich stark auf Paris, und Gewerkschaften können trotz vergleichsweise niedriger Mitgliederzahlen eine erhebliche Mobilisierungskraft entfalten.

Deshalb ist für die Regierung nicht die Zahl der blockierten Schulen der wichtigste Indikator. Sie muss beobachten, wer sich neben den Schülern auf den Strassen versammelt.

Sollten Lehrer, Studenten und schliesslich Beschäftigte ausserhalb des Bildungswesens dauerhaft hinzukommen, würde aus dem Schülerprotest etwas anderes: eine Koalition unterschiedlicher Unzufriedenheiten.

Der Staat hat wenig Geld und viele Erwartungen

Für Premierminister Sébastien Lecornu liegt darin ein besonderes Problem. Die naheliegende Antwort auf viele Forderungen wäre mehr Geld: zusätzliche Lehrer, besser ausgestattete Schulen, mehr Personal, Investitionen in Gebäude und zusätzliche Studienplätze.

Doch ausgerechnet daran mangelt es Frankreich.

Das Land steht unter erheblichem finanzpolitischem Druck. Hohe Staatsverschuldung, ein grosses Haushaltsdefizit und steigende Finanzierungskosten engen den Spielraum der Regierung ein. Gleichzeitig steht Frankreich bereits im Vorfeld der Präsidentschaftswahl von 2027 unter wachsender politischer Spannung.

Die Schüler verlangen somit mehr staatliche Leistungsfähigkeit zu einem Zeitpunkt, an dem der Staat sparen muss.

Dieser Widerspruch reicht weit über die Bildungspolitik hinaus. Frankreichs republikanisches Modell beruht in besonderem Masse auf der Vorstellung eines starken Zentralstaates, der soziale Unterschiede durch öffentliche Institutionen ausgleicht. Die Schule besitzt dabei beinahe sakralen Rang. Sie soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern aus Kindern unterschiedlicher Herkunft Bürger der Republik machen.

Wenn ausgerechnet dort der Eindruck entsteht, der Staat könne sein Gleichheitsversprechen nicht mehr einlösen, wird eine technische Frage der Mittelzuweisung rasch zu einer politischen Vertrauensfrage.

Gewalt könnte alles verändern

Hinzu kommt die gefährlichste Variable: die Gewalt.

Die bisherigen Proteste haben bereits eine Dimension erreicht, die eine nüchterne Betrachtung verlangt. Tausende Jugendliche wurden zeitweise festgenommen, zahlreiche Polizisten und Demonstranten verletzt. Schulen wurden beschädigt, Barrikaden errichtet, Gegenstände auf Sicherheitskräfte geworfen. Gleichzeitig stehen die Methoden der Polizei in der Kritik. Besonders schwer wiegt der Fall eines 15-Jährigen in Lens, der bei einer Explosion eine Hand und einen Teil des Unterarms verlor.

Solche Ereignisse können eine Bewegung in zwei entgegengesetzte Richtungen treiben.

Gewalt durch Demonstranten kann die gesellschaftliche Unterstützung schnell erodieren lassen. Aus einer Debatte über Lehrerstellen und Bildungsgerechtigkeit wird dann eine Auseinandersetzung über öffentliche Ordnung. Für eine Regierung ist dies politisch leichter zu bewältigen: Über Polizeieinsätze lässt sich anders sprechen als über strukturelle Defizite des Staates.

Doch auch die umgekehrte Dynamik ist möglich. Entsteht der Eindruck, dass Sicherheitskräfte unverhältnismässig gegen Minderjährige vorgehen, kann die Solidarität mit den Protestierenden wachsen. Frankreich kennt diesen Mechanismus aus seiner Geschichte. Auch 1968 trug die harte Reaktion auf Studentenproteste dazu bei, einen zunächst begrenzten Konflikt auszuweiten.

Der historische Vergleich sollte allerdings nicht überstrapaziert werden. Das Frankreich des Jahres 2026 ist weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich das Frankreich von 1968. Eine Wiederholung der damaligen Ereignisse ist nicht erkennbar. Geschichte wiederholt sich nicht nach Drehbuch.

Sie erinnert Regierungen lediglich daran, dass politische Krisen selten dort enden müssen, wo sie begonnen haben.

Der 6. Oktober als Wegscheide

Vier Entwicklungen werden deshalb über die Bedeutung dieser Protestbewegung entscheiden.

Erstens muss sich zeigen, ob die Mobilisierung an den Universitäten anhält. Zweitens ist entscheidend, ob Beschäftigte ausserhalb des Bildungswesens dauerhaft hinzukommen. Drittens müsste aus den unterschiedlichen Beschwerden ein gemeinsames politisches Anliegen entstehen. Und viertens muss die Bewegung den heutigen nationalen Aktionstag überstehen.

Gerade der letzte Punkt ist zentral. Protestbewegungen leben von Dynamik. Ein grosser Demonstrationstag kann ihren Höhepunkt markieren – oder ihren Anfang.

Kehren die Schüler danach schrittweise in die Klassenzimmer zurück, öffnen die Universitäten wieder und bleiben die Gewerkschaften bei symbolischer Unterstützung, dürfte die Regierung die Krise überstehen. Folgen dagegen neue Streiks, Vollversammlungen, Universitätsblockaden und gemeinsame Aktionstage verschiedener Berufsgruppen, verändert sich die politische Lage.

Das erklärt auch die Nervosität in Paris. Die französische Regierung muss gleichzeitig zwei Fehler vermeiden: Sie darf die Proteste nicht unterschätzen, sie sollte sie aber auch nicht durch eine überzogene Reaktion grösser machen, als sie derzeit sind.

Frankreich steht noch nicht vor einem allgemeinen sozialen Aufstand. Dafür fehlen bisher die dauerhafte Beteiligung grosser Arbeitnehmergruppen, eine gemeinsame politische Forderung und jene gesellschaftliche Breite, die frühere französische Protestwellen kennzeichnete.

Doch der Schülerprotest hat bereits eine Schwelle überschritten. Er handelt nicht mehr nur von einzelnen Schulen. Er handelt zunehmend davon, welche Leistungen Bürger von ihrem Staat erwarten dürfen – und ob dieser Staat noch über die finanziellen und politischen Mittel verfügt, diese Erwartungen zu erfüllen.

Die eigentliche Gefahr für die Regierung beginnt deshalb nicht an dem Tag, an dem besonders viele Gymnasien blockiert sind. Sie beginnt in dem Augenblick, in dem die Schüler nicht mehr das Zentrum des Protestes bilden, sondern nur noch dessen Auslöser sind.

Andreas M. Brucker

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